Die Prinzen lasen im August 2004 Franz Kafkas "Der Gruftwächter"

Seit dreißig Jahren bewacht der Wächter die Gruft mit den Vorfahren des
Fürsten: den Herzögen, Fürsten und Prinzen... In seiner Sorge um die
Bewachung dieser Gruft läßt der Fürst gegen den Rat seines Kammerherrn den
Gruftwächter rufen, um sich über dessen Dienst berichten zu lassen. Der
Gruftwächter, ein alter gebrechlicher Mann tritt auf, und scheint zunächst
nur wirres Zeug zu reden, bis sich seine Schilderungen zu einer
unglaublichen Geschichte zusammenziehen, die von beängstigenden Vorgängen in
der Gruft berichten...

Seit dem 26. November 1916 konnte Kafka nachts in einem winzigen Häuschen
ungestört arbeiten, das seine Schwester Ottla für ihn in der sogenannten
"Alchimistengasse" auf dem Prager Hradschin angemietet hatte, wo der
Überlieferung nach die Alchimisten Kaiser Rudolfs gehaust haben. Der als
Fragment erhaltene dramatische Text Der Gruftwächter entstand dort
vermutlich Ende November, also gleich zu Anfang dieser neuen Phase
literarischen Schaffens ­ nach fast "2jährigem Nichtschreiben" ­ wie es in
einem Brief an Felice Bauer vom 7.12.1916 heißt."

Zu einem ganz besonderen Abend wurden die Besucher der Veranstaltung am
6.8.2004 einladen. Der Ort des Geschehens: der Herkules, das Wahrzeichen von
Kassel und Nordhessen.

Getreu Kafkas Motto "... ich lese nämlich höllisch gerne vor..." trugen
Mitglieder der Pop-Gruppe "Die Prinzen" mit Unterstützung von Schauspielern
und in musikalischer Begleitung im Herkulesbauwerk aus dem Dramenfragment
"Der Gruftwächter" vor. In dem Monumentalgebäude im Bergpark
Wilhelmshöhe konnten sich die Besucher frei bewegen und ganz in die Stimmung
des Textes in der Abenddämmerung an diesem besonderen Ort eintauchen.

Im Anschluß an die Lesung wurde das Publikum gebeten, das Innere des
Herkulesbauwerks zu verlassen und bei einem Spaziergang entlang der Kaskaden
die beleuchteten nächtlichen Wasserspiele zu erleben. Mit einem kleinen
Akustikkonzert der Gruppe "Die Prinzen" im Bergpark Wilhelmshöhe klang der
Abend gegen 23.30 Uhr aus.

Der Gruftwächter
[...]
Fürst: Aus deinem Amt kam mir noch kein Bericht. Wie ist der Dienst?

Wächter: Gleichförmig jede Nacht. Jede Nacht nahe bis zum Platzen der Halsadern.

Fürst: Ist es denn nur Nachtdienst? Nachtdienst für dich Alten?

Wächter: Das ist es eben, Hoheit. Es ist Tagdienst. Ein Faulenzerposten. Man sitzt vor der Haustür und hält im Sonnenschein den Mund offen. Manchmal tappt dir der Wächterhund mit den Vorderpfoten aufs Knie und legt sich wieder. Das ist die ganze Abwechslung.

Fürst: Also.

Wächter: (nickend) Aber es ist in Nachtdienst umgewandelt worden.

Fürst: Von wem denn?

Wächter: Von den Gruftherren.

Fürst: Du kennst sie?

W
ächter: Ja.

Fürst: Sie kommen zu dir?

Wächter: Ja.

Fürst: Auch in der letzten Nacht?

Wächter: Auch.

Fürst: Wie war es?

Wächter: (setzt sich aufrecht um es besser darstellen zu können) Wie immer.

Fürst: (steht auf, weicht 2 Schritte zurück)

Wächter: Wie immer. Bis Mitternacht ist Ruhe. Ich liege - verzeih mir - im Bett - und rauche die Pfeife. Im Bett nebenan schläft mein Tochterkind. Um Mitternacht klopft es das erste Mal ans Fenster. Ich sehe nach der Uhr. Immer pünktlich. Noch zweimal klopft es, es mischt sich mit den Uhrenschlägen vom Turm und ist nicht schwächer. Das sind nicht menschliche Fingerknöchel. Aber ich kenne das alles und rühre mich nicht. Dann räuspert es sich draussen, als wundert sich jemand, dass ich trotz solchen Klopfens das Fenster nicht öffne. Jede Nacht wundert es sich. Möge sich die fürstliche Hoheit wundern! Noch immer ist der Alte Wächter da! (zeigt die Faust). [...]

6. August 2004
Die Prinzen lasen
"Der Gruftwächter"
- mit kleinem Akustikkonzert -
Herkules

Wilhelmshöhe
34117 Kassel



Mit Unterstützung der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen
und der HNA.










Zurück zur "Rückschau"-Übersicht